Fliegen - aber sicher?!

Liebe Luftsportlerinnen und Luftsportler, 

wir hatten eine überaus lange Winterpause - zumindest aus Sicht des Luftsportes. Logisch, dass sich das auf den individuellen Trainingsstand auswirkt - anders als nach längerer Pause läuft ja bei aktueller Inübunghaltung das meiste ohne großes Nachdenken und dennoch sicher ab. Aber auch mit (oder vielleicht gerade aus) Routine passieren manchmal Dinge, die das Risiko erhöhen und die Sicherheit gefährden. Denn Routine wird dann gefährlich, wenn bereits x-mal vorgenommene Tätigkeiten ohne ausreichende Berücksichtigung der aktuellen Situation ausgeführt werden. Beides - mangelnde Routine oder Routinehandlungen ohne Aufmerksamkeit - erhöhen die Gefahr von Vorfällen oder Unfällen.

Die „große“ gewerbliche Luftfahrt hat in den vergangenen Jahrzehnten ein sehr gutes Sicherheitsniveau erreicht. Nicht allein, weil die Technik zuverlässiger geworden ist, sondern vielmehr deswegen, weil sehr stark in die Ausbildung und in sicherheitsbewusstes Verhalten des Luftfahrtpersonals investiert wurde. Vor allem damit konnte die Flugsicherheit immens erhöht werden.

Von der zuverlässigeren Technik und ihren Möglichkeiten profitiert auch die „kleine“ Luftfahrt. „Technik“ taugt also nicht als Argument dafür, dass die Unfallhäufigkeit in unserem Bereich höher ist als in der professionellen Luftfahrt. Vielmehr stellt es sich nach Vorfällen bzw. Unfällen (leider zu oft) heraus, dass Menschen unaufmerksam waren, Fehler gemacht haben, die Situation falsch eingeschätzt oder sich über bestehende Vorschriften hinweggesetzt haben. Darum ist zur Vermeidung von Vorfällen und Unfällen bei den handelnden Personen anzusetzen, der Verbesserung ihrer Ausbildung und ihrem Hinführen zu sicherheitsbewusstem Verhalten.

Mit dem Ziel, im Luftsport die Vorfall- und Unfallhäufigkeit zu verringern, hat sich vor etwa eineinhalb Jahren im BWLV der Arbeitskreis Flugsicherheit gebildet. Alle Mitglieder dieser Gruppe verfügen über einschlägige (oft berufliche) Erfahrungen hinsichtlich Unfallvermeidung, sind aber auch Mitglied in einem Verein und insofern bestens mit der „Denke“ der Vereinsmitglieder und den Abläufen in den Vereinen vertraut. Eine Vorstellung des Arbeitskreises finden Sie auf Seite XX dieser Ausgabe. 

Bei den Menschen anzusetzen und zu versuchen, sie zu gewissen Verhaltensänderungen zu bewegen, verspricht zwar den größten Erfolg, ist aber auch am schwierigsten umzusetzen. Die Arbeitskreismitglieder kennen die Schwierigkeiten auf dem Weg zu mehr Flugsicherheit, die allzu oft im persönlichen Bereich liegen. Darum versucht der Arbeitskreis mit seinem Wissen, den BWLV-Mitgliedern Publikationen, Unterrichtsmaterial, Seminare, Referenten usw. zur Verfügung zu stellen und so mitzuhelfen, dass in den Vereinen bedachter und mit geringerem Risiko gehandelt wird. Den ersten Newsletter, der natürlich auch über andere Kanäle verbreitet wird, können Sie hier nachlesen. 

Eine wichtige Erkenntnis der Unfallforschung ist, dass Fehler geschehen, immer und bei jedem. Wichtig ist aber, wie damit umgegangen wird, nicht nur im Verein. Es muss „geil“ sein, den Vereinsbetrieb sicher zu gestalten und Vorkommnisse und Unfälle aufzuarbeiten! Solange mit dem Finger auf andere gezeigt wird und Fehler vertuscht werden, können aus ihnen auch keine Lehren gezogen werden. Denn ein echter Erkenntnisgewinn ist nur dann möglich, wenn nicht nach Schuldigen, sondern nach Ursachen gesucht wird. Das müssen die Umgangsformen und die Vereinskultur hergeben.

Diesen Erkenntnissen folgend, stellt der Arbeitskreis die Menschen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen - nämlich die Vereinsmitglieder und die Strukturen im jeweiligen Verein. Der Arbeitskreis möchte dabei unterstützen, dass vom Flugschüler bis zum Vorstand jeder im Verein auf seine Weise einen Beitrag zum sicherem Vereinsbetrieb leistet und sich so eine Sicherheitskultur etabliert. Denn der Weg zu mehr Flugsicherheit beginnt damit, dass immer und von jedem Mitglied konsequent sicherheitsbewusstes Verhalten gelebt wird. Ganz besonders trifft das auf die Ausbildung zu, denn es gilt immer noch: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Darum ist vor allem an die Vorbildfunktion der Fluglehrer zu erinnern und daran, dass sie sich dessen immer bewusst sind.

Last but not least ist es für jeden einzelnen wichtig, sich immer und zu jeder Zeit Gedanken über die Folgen seiner eigenen Aktivitäten zu machen: „Was du auch tust, handele stets mit Bedacht und bedenke das Ende.“

Davon ausgehend hofft der Arbeitskreis, dass seine Arbeit in den Vereinen auf fruchtbaren Boden fällt, seine Publikationen gelesen und diskutiert werden, seine Angebote angenommen werden und zwischen dem Arbeitskreis und den Luftsportlern rege Kontakte entstehen.

Christian Schulz, BWLV-Präsidialrat für besondere Aufgaben und Mitglied im AK Flugsicherheit